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50mm Festbrennweite – eine Abhandlung

Ich fotografiere schon eine Weile mit vielen verschiedenen Kameras und einer der ersten Tipps, die man mir während meiner Anfangszeit gegeben hatte, war – kauf dir ein 50mm Objektiv.

Also habe ich mich erkundigt und überlegt, welches der drei Canon 50mm Objektive denn das richtige für mich sein könnte.

Canons 50mm f/1.2 hatte ich recht schnell ausgeschlossen. Bei einem Straßenpreis von fast 1400€ wäre das Objektiv damals drei mal so teuer gewesen wie mein Kamerabody. Außerdem hätte ich den Qualitätsgewinn im Vergleich zum 50mm f/1.4 wahrscheinlich sowieso nicht gesehen.

Das meistverkaufte 50mm f/1.8 STM war mit seinen etwa 100€ preislich richtig attraktiv. Aber das Objektiv fühlte sich an meiner Kamera (zu dem Zeitpunkt noch eine EOS1000D mit Batteriegriff), einfach viel zu klein und wie ein billiger Joghurtbecher an.
Deshalb bin ich wohl schlussendlich beim 1.4er gelandet.

Die ersten Tage

Welch eine Begeisterung mich die ersten Tage überkam.
Ich habe auf (selbsternannte) Profis gehört, und mir eine wirklich gute Linse geleistet.

Die Bilder mit meinem 70-200mm f/2.8 waren ja schon toll, aber die Bilder mit einer echten Portraitlinse und einer Blende von 1.4 müssen ja richtig umwerfend werden…

… dachte ich…

… hoffte ich…

… und die Ernüchterung folgte schneller als gedacht!

Musiker in Paris 50mm 1.4
Musiker in Paris mit dem Canon EF 50mm f/1.4 und der Canon EOS 1000D

Ja – das cremige Bokeh und die geringe Schärfentiefe haben mich absolut überwältigt.

Aber – die Festbrennweite schränkte mich plötzlich in meinem kreativen Schaffen ein.

„Dann Verwendest du das Objektiv falsch!“, hieß es.
„Du musst ja nur vor und zurück laufen, um den Bildwinkel zu ändern“

… aber da ist eine Wand.

„Geh näher ran!“
Das geht aber nicht, da ist die Bühnenkante.

Gerade bei Konzerten kann ich einfach nicht beliebig nah ran. Und mit meinem 70-200mm kann ich das, viel, viel flexibler. Auch, ohne den Musikern nachher auf dem Schoß zu sitzen.

 

Weg damit!

Damit war das Urteil ziemlich schnell gefällt.

Was für ein Fehlkauf!
Ein absolut sinnbefreites Objektiv.
Das braucht kein Mensch!

Im Prinzip lag das Objektiv die meiste Zeit daheim.
Wenn ich wusste, ich bin auf einer Veranstaltung mit wenig Licht, dann habe ich es mitgenommen. Über die Lichtstärke konnte ich mich nie beschweren. Aber ich habe mir die kurzen Belichtungszeiten immer mit einem hohen Maß an Unzufriedenheit und Einschränkungen in meiner Flexibilität erkauft.

Warum ich das Objektiv nicht verkauft habe, weiß ich nicht. Vielleicht fand ich es einfach schön, wenn meine ganzen Objektive im Regal nebeneinander stehen. Wenigstens optisch hat es dazugehört. ;-\

 

Heute

Heute kann ich sagen, es sind doch einige schöne Bilder mit dem 50mm an den verschiedensten Bodies (1000D, 1100D, 650D und 750D, 60D, 80D) entstanden.

Und ich verstehe mittlerweile auch, fast vier Jahre später, welchen Charme das Objektiv haben kann.

An der Vollformatkamera

Denn hier wirken die Bilder plötzlich anders. Natürlicher, plastischer. Anders halt. Eben so, wie es mir damals erzählt wurde.
Dabei soll das hier keine Kaufempfehlung für eine Vollformatkamera sein, denn die erste Zeit mit der 6D war auch ein ganz schöner Umstieg. Aber das ist eine andere Geschichte.

Natürlich tragen die Zeit, deutlich mehr Erfahrung und auch andere Arbeitsweisen ihren Teil zu dieser Entwicklung bei.

Und trotzdem sind die 50mm bis heute nicht meine Lieblingsbrennweite.

Fazit

Es ist nicht so, dass ich generell etwas gegen Festbrennweiten habe.
Ich benutze einige sehr gerne. Z.B. das  Canon EF 135mm f/2.0 für Portraits oder auch mal das Canon EF 35mm f/2.0 für Street.

Aber: Festbrennweiten sind mir persönlich zu unflexibel und nicht für jeden meiner Zwecke geeignet.

In vielen Situationen, wie beispielsweise bei Familienshootings, Konzerten, Hochzeiten und auch sonst im Alltag bin ich doch froh Zoomobjektive zu haben.

Dafür erfüllen Festbrennweiten, die Aufgaben, für die sie bewusst eingesetzt werden, meist deutlich besser als Zoom-Objektive. Die Schärfe und Abbildungsleistung dieser Objektive sind konstruktionsbedingt einfach besser als die der Zoom-Objektive. Aber in einer gewissen Preisklasse ist das auch nur noch ein Jammern auf hohem Niveau.

Mit diesem Erfahrungsbericht will ich keinem Fotografen per se die 50mm Festbrennweite absprechen. Es gibt sicherlich Fotografen, die dieses Objektiv zu ihrem Liebling erkoren haben und traumhafte Bilder damit zaubern.

Aber ich sage ganz klar: In meinen Augen ist eine Festbrennweite und vor allem das 50mm 1.4 eigentlich nichts für einen Anfänger. Ich jedenfalls fand es ziemlich frustrierend, zu erkennen, dass ein Großteil der Bilder mit dem 50mm 1.4 trotzdem nicht wirklich besonders sind.
Abgesehen davon bedarf es, um die Möglichkeiten einer Festbrennweite auszuschöpfen, mehr als nur die Offenblende von 1.4 einzustellen und sich drei, vier Meter vor und zurück zu bewegen.

Wenn mich heute ein Anfänger fragt, welches Objektiv ich ihm für den Anfang empfehlen kann, dann definitiv nicht die 50mm Festbrennweite.
Selbst mit dem mitgelieferten Standard-Objektiv lassen sich überaus gute Bilder machen. Wenn der Wunsch nach einer größeren Blende und einem weicheren Bokeh für Beispielsweise Portraits kommt, ist in meinen Augen das 70-200 2.8 mit Bildstabilisator auch in der ersten Version ein super Allrounder.

Was waren deine ersten Objektive und wie sind deine Erfahrungen mit Festbrennweiten?
 
 
 

Die Objektive, die in diesem Artikel vorkommen:

 

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